„Schnipp Schnapp, Haare ab“ klingt lustig und einfach, ist es aber nicht – oder doch? 

Seit ich denken kann habe ich lange Haare und ich habe sie immer geliebt. Sie waren ein wie Körperteil und haben mich nie im Stich gelassen. Bei jedem Friseurbesuch bekam ich zu hören wie schön sie nicht sind und wie lang und dick. Schnell entwickelte sich meine Mähne zum Kernstück meines Selbstvertrauens, ich habe sie gehütet und gepflegt und Scheren durften sie meistens nur von weitem sehen.

Irgendwann vor ca. 5 Jahren habe ich mir dann eingebildet, ich bräuchte eine Veränderung und da schneiden nicht in Frage kam, musste es Farbe sein. Ich experimentierte eine Weile und das Unvermeidliche passierte: langsam aber sicher habe ich sie zerstört. Sie verloren den Glanz, wurden strohig und voller Spliss. Instagram ist auch an dieser Stelle eine #FakeBitch. 90% der langen Haare, die einem jeden Morgen ins Gesicht strahlen didn´t woke up like this – at all. Ganz im Gegenteil: sie wurden geföhnt, gestylt und mit Glanzprodukten und Weichmachern vollgeschmiert. Lange Haare sind harte Arbeit, auch wenn es die wenigsten zugeben wollen. Und da die Rapunzel Frisur meiner Meinung nach nur angemessen ist, wenn die Haare wirklich schön und gesund sind, beschloss ich, sie abzuschneiden.

Die Entscheidung zur Schere zu greifen war nicht leicht und hat mehrere Tage gedauert. Als der Termin fällig und ich auf dem Weg zum Salon war, haben meine Hände gezittert und der Kopf dröhnte vor lauter wirren Gedanken. Dann war ich dort. Mir wurde ein Zopf geflochten und die Friseurin fragte ob ich mir denn sicher sei. Nein, eigentlich nicht. Aber ich nickte und sie fing an mit der Schere den Kopf abzuschneiden. Ich verstand auf einmal wie sich Germany´s next Topmodels immer am Tag des großen Umstylings fühlen müssen und wieso immer so viele Tränen fließen. Ja, auch bei mir waren Tränen unvermeidlich. Ich verlor knapp 40cm lange, 100g schwere Haare. Ich hätte vorher schwören können, dass sie 1 kg wiegen. Oder mindestens 500g.

Was folgte war ein Haufen gemischter Gefühle. Auf der einen Seite fand ich die kurzen Haare gar nicht so schlimm und ich fühlte mich auch nicht hässlich. Aber auf der anderen Seite blickte ich in den Spiegel und erkannte mich nicht wieder. Ich war mir nicht sicher, ob der Mensch, den ich dort sah, immer noch ich war. Seitdem denke ich sehr viel darüber nach und beobachte die Gesellschaft um mich herum.

Das Aussehen eines Menschen wird automatisch mit bestimmten Eigenschaften verbunden und so stecken wir uns gegenseitig ständig in irgendwelche Schubladen.

Die meisten Frauen mit langen Haaren sind jung und vor ein paar Jahren gehörten mehr von meinen Freundinnen zu dieser Gruppe als jetzt. Meine Oma hat kurze Haare, sowie meine Mutter, die Mutter von meinem Freund und sowieso mehr oder weniger jede Mutter, die ich kenne. Also je älter ich bin desto kürzer werden die Haare – bin ich jetzt alt und reif wie ein Rotwein?

Lange Haare sind außerdem ein Symbol für Weiblichkeit und Sinnlichkeit. Ich würde lügen wenn ich dem widerspreche. Ich fand es toll wie sich Haare um die Brust legen und hier und da ein bisschen Haut verstecken. Jetzt flattern sie vermeindlich nur so ein bisschen durch die Gegend und offenbaren sofort alles. Bin ich denn jetzt nicht mehr sexy?

Und dann ist da noch diese andere Sache. Viele Frauen greifen zu solchen „radikalen“ Typveränderung nach Trennungen, Scheidungen oder anderen schweren Schicksalsschlägen. Mir geht es eigentlich gut. Oder vielleicht doch nicht und ich habe es nur noch nicht gemerkt?

Wieso dreht sich in unserer Gesellschaft so viel um Äußerlichkeiten und messbare Dinge? Ist die Haarlänge einer Frau das Pendant zur Penislänge eines Mannes? Bin ich mit 40cm mehr Haare besser als jetzt mit einem Kurzhaarschnitt? Ich sage euch jetzt was: ich muss mich noch ein bisschen mehr mit dem neuen Haarschnitt anfreunden und vielleicht lasse ich sie wieder wachsen. Aber ich fühle mich auch irgendwo erleichtert, es lastet weniger Druck auf meinen Schultern und mein Kopf ist buchstäblich freier. Ich bin genauso jung wie ich mich fühle und genauso sinnlich wie mein Gegenüber mich sieht (Übrigens ein nackter Nacken kann ganz schön sexy sein).

Ich bin immer noch ich. Denn das, was mich ausmacht, ist nicht wie ich aussehe und bis wohin meine Haare reichen. Es sind meine Taten, meine Worte, meine Gefühle, meine Geschichte. Und nur zu einem kleinen Bruchteil mein Aussehen.

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